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Texte
Rede
von Claus Mewes (Kunsthaus Hamburg)
zur Einzelausstellung "Serientäter", Harburger Kunstverein,
27.8.2004
Sehr geehrte
Damen und Herren, lieber Stefan Oppermann, der kriminalistische
Begriff "Serientäter" bezeichnet keineswegs das,
was in den Arbeiten der Ausstellung von Zeichnungen und Acrylbildern
Stefan Oppermanns thematisiert wird, sondern kennzeichnet den Künstler
selbst. Stefan Oppermann stellt sich als Serientäter dar; die
klare Präsentation in Blöcken und Reihen nach Größe,
Technik und Material hier im Kunstverein Harburg unterstreicht den
Charakter der Serialität der Arbeiten des Künstlers.
Ein Täter
ist nach lexikalischer Definition "derjenige, dessen Handeln
oder Unterlassen den Tatbestand einer Straftat verwirklicht".
Folglich begeht der "Serientäter" Straftaten am laufenden
Band, besser: serienweise, und es stellt sich die Frage, ob die
ausgestellten Werke ein Panoptikum des Verbrechens bilden: jedes
für sich eine Straftat?
Der Begriff
"Serie" stammt ursprüglich aus der industriellen
Produktion und Formgestaltung und meint absolut gleiche Werkteile
und Werkformen. Die Variation bestimmter Werkteile und -formen begründet
dabei eine neue Serie. Als serielle Kunst bezeichnet man allgemein
Strömungen der Moderne seit etwa 1960, in denen das Prinzip
der Reihung gleicher Teile wesentliches Gestaltungsmittel ist. In
einer Gegenreaktion auf den Subjektivismus informeller Kunst sollten
die persönliche Handschrift, der affektgeladene Gestus ausgeklammert
werden. Dies wurde erreicht durch das Reihen und die Kombination
von gleichartigen Teilen, deren Formen häufig einfache geometrische
Figuren und vorgefundene Figuren zeigten. Abweichend davon kann
der Begriff "Serie" aber auch jede Art der Gestaltung
bezeichnen, die mehrere Werke zu einem künstlerischen Komplex
zusammenfasst, also beispielsweise die Variationsreihe der berühmten
18 Heustapel von Claude Monet oder die vielteiligen Zeichnungen
mit Schrift und Zahlen eines Werks von Hanne Darboven. Innerhalb
einer vom Künstler angelegten Serie spielt die einzelne Arbeit
lediglich eine relative Rolle. Sowohl inhaltliche als auch formale
Momente, die sich gleichen oder ähneln, können eine Werkserie
visuell zusammenschließen. - Die Frage ist, wie wir den Begriff
der Serie im Hinblick auf die Arbeiten von Stefan Oppermann einzuschätzen
haben.
Grundlage der
Papierarbeiten des Künstlers sind monochrom schwarz-weiße
Zeichnungen in kleinem Format, die er "Erfindungszeichnungen"
nennt. Figuren und Gegenstände vermitteln eine momenthafte
Ruhe, verstärkt durch eine durchgängig geglättete
Oberflächenstruktur, so daß die Materialien der Gegenstände
und die Haut der Menschen auf den Zeichnungen gespannt, gleichsam
aufgeblasen erscheinen. Bewegungen der Apparate und Erregungen der
menschlichen Muskulatur sind ebensowenig wahrnehmbar wie emotionale
Impulse. Die Gesichter zeigen stereotype mimische Bewegung, so daß
im Zusammenhang mit der zu beobachtenden Passivität der Körper
der Eindruck entsteht, als befänden sich die Personen im Zustand
der Trance, der Konzentration oder der Erschöpfung. Fast scheint
es, als ob die anonymen Protagonisten Oppermanns prinzipiell keinerlei
eigenen Willen besäßen, als ob sie Ausgeburten des philosophischen
Determinismus seien, der aktive Willens- und Entscheidungsfreiheit
leugnet.
In diesem Zusammenhang
spielt die Strichführung des Künstlers eine bedeutende
Rolle: Zumeist sind die menschlichen Figuren durch reine Umrißlinien
dargestellt, Binnendifferenzierungen fehlen oder sind äußerst
sparsam und gezielt gesetzt. Die Linien fallen körnig-porös
aus, da Oppermann weiche Bleistifte und weiche Fettkreiden benutzt,
die die Papierstruktur deutlich sichtbar werden lassen. Entgegen
allen Annahmen, die das Zeichnen grundsätzlich für ein
intimes Mittel halten, das feinste emotionale Regungen zu spiegeln
vermag und einen weiten Spielraum für unentschiedene, experimentelle
Bewegungen von Hand und Fingern läßt, zieht Oppermann
seine weichen Linien außerordentlich gleichmäßig,
so daß es keinerlei bemerkenswertes Auf- und Abschwellen oder
sonstige Irregularitäten gibt. Die Strichführung ist richtungsreduziert
und erweckt den Eindruck des zwanghaft Kühlen und Sachlichen.
Gleichsam leidenschaftsgebremst mit der Objektivität des technischen
Zeichners werden die Szenen, Gegenstände und Figuren visualisiert.
Diese Objektivität jedoch befindet sich in einem ästhetisch
sehr bewußt kalkulierten Gegensatz zur Weichheit, zur informellen
Porosität der Striche und sorgt so für eine innere Spannung
zwischen "kalt und warm", sorgt für ständige
Irritation. Der zeichnerische Reduktionismus steigert einerseits
jene Apathie und Willenlosigkeit der Menschen in ihren Situationen,
andererseits suggeriert die körnig fein pulsierende Strichstruktur
einen, den Betrachter tief beunruhigenden Zustand des nervösen
Schlafs, des Wachtraums und der Existenz in ungeklärter Schwebe.
Aus Alpträumen
scheinen die Geräte entsprungen, denen die menschlichen Figuren
Oppermanns anheim gegeben sind. Die beherrschende Übermacht
dieser monströsen, bizarren und nie gesehenen Apparate, die
zumeist ihre "Opfer" an Größe weit übertreffen,
erscheint dadurch gesteigert, dass sie ganzflächig dunkel durchmodelliert
sind, deshalb kompakt wirken und zu den lediglich aus Umrißlinien
bestehenden menschlichen Wesen einen starken Kontrast materieller
Dichte bilden.
Selbst ballonartig aufgeblasene Gebilde, die manchmal leichte Biege-
und Druckfalten zeigen, wirken in ihrer Prallheit äußerst
fest und hart. Manchmal weicht die Bedrohlichkeit der Geräte
einer Art Schutzfunktion - manchmal gehen Bedrohung und Schutz ambivalent
zusammen.
In der Eröffnungsrede
für die Ausstellung seines Schülers Stefan Oppermann 1998
im "Foyer für junge Kunst" der Vereins- und Westbank
Harburg hat der Zeichner Friedrich Einhoff den geradezu lustvollen
Erfindungsreichtum dieser Vehikel charakterisiert und folgende Aufzählung
gegeben : "... pneumatische Hüllen, Zapfen und Näpfe,
gummierte Beutel, Taschen (...), Schutzanzüge, Ganzkörperhüllen
und Körperteilstulpen, erinnernd an Raumfahrt, Tiefsee-Erkundung,
Atom- und Genlabore, Anzüge wie Seuchengarnituren zur Beseitigung
kontaminierter Erde, Betten, Liegen, Stützen, Beatmungs-, Entlüftungs-
und Abführgeräte." Man fühlt sich an Jürgen
Habermas erinnert, der schon Ende der 1950er Jahre feststellte,
daß jede menschliche Tätigkeit heute in den Hochleistungslabors
der naturwissenschaftlichen Fakultäten beginnt. Zu den treffenden,
inhaltliche Bezüge aufdeckenden Beschreibungen von Einhoff,
daß es sich bei den Geräten um alle Arten bedrohlicher
medizinischer Behandlungs-, Rehabilitations- und Fortbewegungsmaschinerien
handelt, gesellt sich ihre innere Absurdität und groteske Funktionsweise.
Ebenso rätselhaft
sind die Symbiosen zwischen anthropomorph erscheinenden Maschinen
und ihren Benutzern: Da schwebt ein eirundes Objekt durch den Raum,
das mit Ausstülpungen übersät ist. Jede Ausstülpung
besitzt eine Öffnung, welche ein menschliches Gesicht gummiartig
umschließt - das Ganze mutet wie eine riesenhafte, ziellos
im All umhertaumelnde Brutmaschine an. Aus einem riesigen Kasten
mit Seitentür und verhängter Fensteröffnung kommen
aus zwei Löchern beinartige Gebilde hervor, die zu flachen,
wie platt gewalzten Fortsätzen werden, sich hoch- und wieder
herab biegen und in einer Art auf dem Boden stehenden Stiefeln enden
- man vermutet eine gewaltige Tortur, doch wer ist Opfer, wer ist
Täter? Vor allem: An welchem Ort und zu welcher Zeit könnte
sich die Qual abspielen? Der freie und monochrom helle Grund der
"Erfindungszeichnungen" läßt die Szenen prägnant
hervortreten und wird zum absoluten ästhetischen Demonstrationsraum.
Diese Negation von Ort und Zeit wird zudem hergestellt durch jegliches
Fehlen von gegenständlichen Darstellungsdetails, die einen
konkret beschreibenden Milieubezug und eine Ortsdefinition besitzen:
Kein landschaftlicher Horizont ist sichtbar, keine zeitlich bedingte
Beleuchtung - etwa starke Schlagschatten, erzeugt von untergehender
Sonne - hilft dem Betrachter bei einer Orientierung. Auf diese Weise
fallen die Szenen Oppermanns als solche ohne Ablenkung ins Auge
und erhalten paradigmatisches Gewicht - wie eine lehrbuchartige
Zeichnung aus dem Lexikon des industrialisierten Lebens. Übrigens
haben Umrißzeichnungen aus diesen Lexika - dem illustrierten
Larousse etwa - Surrealisten wie Max Ernst, René Magritte
und Wols immer wieder besonders angeregt.
Der von Oppermann
freigelassene Grund ist jedoch nicht nur als ein zeit- und ortloser
Demonstrationsraum zu verstehen, sondern auch als eine Art Bühnenraum,
in dem die Gebilde durch den Künstler theatermäßig
aufgebaut und vorgeführt werden. Es handelt sich um ein Theater
des Absurden, das die Realität verrückenden, aber dennoch
gesellschaftsanalytischen wie -kritischen Stücke von Ionesco
und Beckett ins Gedächtnis ruft und zugleich mit Verwandlungen
im Sinne Kafkas arbeitet. Beginnt man auf dieser Basis nun mit Interpretationen
der Oppermannschen Szenen, so tauchen aus dem im Gedächtnis
Abgelagerten serienweise Assoziationen auf zum realen Ungemach unseres
Alltags und zur Kulturgeschichte. Ich denke sofort an mein Ausgeliefertsein
auf der plastikbezogenen Arztpritsche, ich erinnere die Kommunikationsspiele
mit Seilen und Decken von Franz-Erhard Walther oder die surrealen
Kunststoff-Objekte von Eva Hesse, entfernt erinnere ich auch den
"Mann im Kreis" von Leonardo, ich rieche Latex. Sie werden
Oppermanns Bildsprache mit anderen, individuellen Konnotationen
aufladen.
Es geht hier
also weniger um die Demonstration des künstlerischen Arbeitens
in Serie und um die Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten
von den kleinen Zeichnungen mit dem Titel "Erfindungen für
eine bessere Welt" über die neuen großformatigen
Arbeiten mit Kugelschreiber - die sämtlich im vergleichsweise
geräumigen Atelier des Vereins "Künstler zu Gast
in Harburg" möglich wurden und für deren Ausführung
Oppermann schon mal eine gute Woche Zeit pro Blatt investiert -
bis hin zu den magisch anmutenden Acryl-Bildern, sondern um Wesentlicheres:
Erst in Serie entpuppen sich die Absurditäten Oppermanns als
Kompendium des individuell und kollektiv erlebten Gegenwärtigen.
Vielleicht sollte
ich zum Schluß noch auf die Arbeiten im Kabinett links hinten
verweisen: Als ob der Künstler seinen Ausstellungstitel "Serientäter"
und seine Vorgehensweise konterkarieren wolle, sind dort im Strich
leichter und recht frei gezogene, sogar kollagierte Blätter
zu sehen, die wie ein Pausenton zur obzessiven Zeichentätigkeit
von Oppermann erscheinen. Dem Serienschema gänzlich entzieht
sich die Arbeit "Harburger Hemd", 2003 entstanden aus
einem Überbleibsel der Vorgängerinnen des Künstlers
im Harburger Atelier. Das Hemd ist auf einem Kleiderbügel an
die Wand gehängt, in die Bauchpartie, die mit einer Zeichnung
eines skelettartigen Mischwesens hinterlegt ist, hat der Künstler
ein ovales Loch geschnitten. In diesem Fall ist Stefan Oppermann
tatsächlich ein Täter gewesen.
Vielen Dank
für Ihre Aufmerksamkeit.
"Erfindungen
für eine bessere Welt"
Katalogtext von Thomas Sello, Kunsthalle Hamburg
Es sind immer
ein wenig zerbröselnde Linien, trotz ihrer zielstrebigen Präzision,
Linien, die aus der rauen Oberfläche des Papiers und dem nur
mäßig gespitzten Wachsstift kein Geheimnis machen. Oppermanns
Lehrer, Professor Friedrich Einhoff, einer der großen Grenzgänger
zwischen Zeichnung und Malerei, charakterisiert den Wachsstift als
Gerät, "bei dem einem als Kenner so viel biegsamerer und
entgegenkommenderer Stifte die Finger gefrieren, weil die durch
ihn erzeugte Linie, einmal aufs Papier gebracht, nicht mehr zu korrigieren
ist, zaghaft ausgeführt dagegen kaum sichtbar wird. Ein Gerät
für jemanden, der weiß was er will."
Mit diesem scheinbar immer gleichen Stift kann man keine lupenreinen
Detailstudien zeichnen, die sich ohne Raster um ein Vielfaches vergrößern
ließen. Vielmehr erscheinen die Striche der annähernd
in Originalgröße reproduzierten Blätter, als wären
sie bereits über ihre Möglichkeiten hinaus vergrößert.
So sehen wir in jeder Linie das, was sie als geometrische Definition
ist: eine Menge aneinandergefügter Punkte.
Was Stefan Oppermanns Handschrift unverkennbar macht, ist das fast
vollständige Fehlen graphologischer Merkmale: kein An- und
Abschwellen der Linien ist erkennbar, kein Absetzen oder Zögern
im Strich, keine übermäßig langen oder kurzen, tastend
korrigierenden Handbewegungen, keine bevorzugte Bewegungsrichtung,
etwa beim Schraffieren von Flächen. Man fühlt sich an
Paul Klee erinnert, der um die Mitte der 20er Jahre die Ölpause
entdeckte: Er bestrich ein Zwischenblatt mit schwarzer Ölfarbe
und benutzte es anschließend, als würde er das Motiv
durchpausen - wie Kohlepapier, das der Handschrift den persönlichen
Duktus nimmt.
Charakteristisch für Stefan Oppermanns Linien ist ihr Schwebezustand
zwischen Kontur und Schattierung. Und hierin erkennt man den Zugriff
des Malers, für den der Pinselstrich Linie und Flächen
zugleich bestimmen kann. Wenn die Umrisse der Figuren und Gegenstände
mit ihren plastischen Hell-Dunkel-Modellierungen eine untrennbare
Einheit bilden, wird offenbar, daß die Malerei für Oppermann
ein ebenso wichtiges Medium ist. Manchmal grenzt er die Fläche
aber auch durch entschiedene Konturen ab: bis hierher und nicht
weiter. Häufig stehen die Linien auch ganz für sich und
ohne Schnickschnack auf dem hellen Blatt, ohne den Horror Vacui,
die Angst vor der Leere. Sie muten dann an wie technische Zeichnungen
aus dem Möbelkatalog oder die schematischen Strichfiguren der
Spezies Mensch (männlich) im Biologiebuch. Und stets überwiegt
auf den querformatigen Blättern die Fläche des chamoisfarbenen
Papiers gegenüber den schattierten Partien.
Jedoch dürften sich die erfundenen Gebrauchsgegenstände
nur schwer verkaufen lassen, und der Lehrer mag seine Not haben,
den Kindern die Beschaffenheit des Menschen und seine häuslichen
Lebensgewohnheiten zu erklären. Denn hinter der unkapriziösen
Zeichentechnik mit dem übernüchternen Blick, computermäßig
exakt (wenn auch mit schlechter Bildauflösung), verbergen sich
abstruse Gebilde und absurde Theaterszenen, heiter und zugleich
existentiell bedrohlich. Menschen in gummiartigen Hüllen, manchmal
beschützend wie die Fruchtblase den Embryo. Doch zugleich sind
es verhängnisvolle Apparate, isolierend, einengend und verschlingend,
mit Schläuchen und Schlitzen, die wie unentrinnbare Gefängnisse
die persönliche Entfaltung verhindern, Atem spendend wie Sauerstoffgeräte
und Leben aussaugend zugleich, Inhaliergeräte für Todkranke.
Oder hat die Spezies Mensch ihr Leben bereits eingebüßt?
In der griechischen Mythologie endeten die Menschen als Schattenwesen
im Hades. Selbst Orpheus mit seinen Harfentönen vermochte das
nicht zu ändern. Bei Oppermanns Figuren vollzieht sich die
Entleibung durch immer gleiche schematische Umrißlinien. Körperhaft
sind lediglich die Apparaturen für alle Lebenslagen: im Bett,
in der Badewanne, beim Streit, bei der Nahrungsaufnahme, beim Krafttraining
für alle sechs Arme, bei allen möglichen Zaubertricks
der Selbstverwandlung und Auflösung.
Und natürlich kann der Betrachter in Oppermanns Warenkatalog
zur Einrichtung eines Sanatoriums für Leib und Seele (z.B.
für Manager) scharfsinnig über mögliche Übungen
für die gestreiften Badehosenmänner nachdenken. Doch bevor
er ins Unternehmen investiert, sollte er bedenken, daß die
Probanden vielleicht doch nicht alles mit sich geschehen lassen
und aus den Albträumen zwischen Franz Kafka und Alfred Kubin
oder den virtuellen Regeln von Videospielen in eine bessere Welt
ausbrechen - zum Beispiel mit Hilfe des Wachszeichenstifts: "Ein
Gerät für jemanden, der weiß was er will."
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